Schreibtisch mit Schellackpolitur

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Dyrsian
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Schreibtisch mit Schellackpolitur

#1

Beitrag von Dyrsian » Di 15. Dez 2020, 20:14

Hallo,
nachdem es für die Aquarien doch ein gekaufter Schrank geworden ist (war billiger!), habe ich mich entschlossen in diesem Winter einen Schreibtisch zu bauen. Die Platte soll mit Kirsche furniert werden und dann eine Schellackpolitur kriegen (ich weiß, Schreibtische dürfen keine spiegelnden Oberflächen haben, aber das ist mir in meinem Privatbüro mal echt egal!). Insgesamt soll das Teil ca. 180 x 80 werden, so kann ich den mit ein paar Tricks noch als Homeoffice Platz durchkriegen, aber das ist eine andere Geschichte. Als Untergestell tendiere ich momentan zu einem Stahlgestell, schwar, pulverbeschichtet und dann einem Rollcontainer, auch wieder in Kirsche / Kiefer Kombination (ja ich weiß, ich baue alles in Kiefer und Kirsche, aber so passt es wenigstens zusammen :grinblum: )
Ich habe mir also bei Antik Greef ein Schellackpoliturset bestellt und mir eine Multiplexplatte in 21 mm besorgt. Multiplex war mir eigentlich nicht recht, weil nicht mit Glutinleimen hergestellt und irgendwie zuviel Kunststoff, aber Leimholz wäre - wenn fertig gekauft - weniger verzugsfrei, nicht so stabil und auch mit künstlichen Leimen hergestellt. Ich hatte kurz erwägt mir selber eine Platte zu leimen, aber der Aufwand für was in der Größe wäre ohne Abrichte, Formatkreissäge und Rahmenpresse echt abartig gewesen, und teuer wäre es auch noch. Das macht mir keinen Spaß, von Hand abrichten. Vorteil vom Multiplex in der Dicke ist halt auch, dass ich nur die Oberseite der Platte furnieren kann und die sich trotzdem nicht großartig verzieht.
Naja, jedenfalls habe ich die dann mal mit Ponal wasserfest furniert (der Fischleim war mir dann doch nicht ganz geheuer) ist fast 1 kg bei draufgegangen. Zum Furnieren habe ich schon viel geschrieben, deswegen habe ich dieses Mal keine Fotos gemacht. Gepresst haben wir mit 50 Liter Wasserfässern, der Dickenhobelmaschine und anderen schweren Sachen. Es hat gut funktioniert, nur eine kleine Stelle am Rand ist etwas hohl. Weniger Leim wäre vermutlich besser gewesen, aber bei so einem riesen Objekt ist das manchmal nicht ganz einfach, grade weil der nur 10 Minuten offene Zeit hat. Vorteil am wasserfesten D3 Leim ist in meinen Augen auch, dass man das Furnierklebeband später nass machen kann und es dann abziehen kann. Wenn man es wegschleifen muss ist das ein Risiko, da schleift man gerne mal durchs Furnier und das darf halt echt nicht passieren. Außerdem ist es mit meiner 40 Jahre alten Schwingschleifmaschine jetzt auch nicht unbedingt ein Vergnügen, also das Schleifen. Und eine Riesensauerei dazu.

Nun soll die Platte rundrum eine Leiste aus Kiefer bekommen, weil die natürlich scharkantig ist wie sau und zudem hässlich (Multiplex, ich weiß, manch einer mag das Streifige, ich nicht). Die Kiefer Leiste gab es echt im Baumarkt (ich war ganz begeistert), ich war fest davon überzeugt ich müsste mir selber welche fräsen und schneiden (abermals ätzend und gefährlich ohne Tischkreissäge). Naja, die Leisten sind jedenfalls oben abgerundet, haben also hinten und vorne und oben und unten. Das ist wichtig, DENN:
Der Schreibtisch ist nicht rechteckig, sondern an einer Seite schräg abgeschnitten (damit man besser vorbeikommt, da ist eine Tür daneben).
20201211_185628_klein.jpg
20201211_185628_klein.jpg (29.29 KiB) 1411 mal betrachtet
(Die Seite ist mit Tesa abgeklebt, damit beim Sägen keine Ausrisse kommen, die Säge hat keinen Vorschneider)

Jetzt ist es ja schon fummelig, Leisten perfekt auf 45° Gehrung zu schneiden und in der richtigen Länge! Aber mit diesem Winkel an der einen Seite von 73° ist es echt eine Herausforderung! für die "stumpfe Seite" vom Tisch habe ich es mit der Handkreissäge richtig schick hinbekommen, indem ich die auf 36,5° Gehrung gestellt habe (ein Hoch auf Festool!), aber der spitze Winkel ist echt übel. Da werde ich mir irgendwie ein Klötzchen mit dem richtigen Winkel sägen müssen und das mit der Kataba oder Dozuki per Hand abkauen müssen. Ich bin auch intellektuell völlig überfordert mit der Berechnung der richtigen Winkel, meine Frau muss einspringen, die ist schlauer. Ich poste morgen mal ein Foto vom Gesamtwerk, dann sieht man was ich meine.
Geil ist auch, wenn man eine Seite schon fertig hat, und das dann mit einem Reststück verwechselt und für eine kurze Seite aufsägt und so! :haha:

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Re: Schreibtisch mit Schellackpolitur

#2

Beitrag von Dyrsian » Mi 6. Jan 2021, 18:57

So, die Tischplatte als solche ist erstmal fertig! Hier ein Bild während des Ölens mit rohem Leinöl (ich wärme beim ölen immer mit dem Heißluftfön, dann ziehen auch dickflüssige Öle schön ein und auch der Überstand lässt sich leichter abpolieren):
Tisch komplett.jpg
Tisch komplett.jpg (46.06 KiB) 682 mal betrachtet
Die Beine aus den 80er Jahren sind sehr hochwertig, passen aber nicht zu der Platte und sollen später ersetzt werden. Für den Moment sind sie aber ganz praktisch, auch wenn ich ein bisschen Bedenken habe, dass sie lange drunter bleiben (nichts hält länger als ein Provisorium :haha: ).
Die Gehrungen an den umlaufenden Leisten sind sehr schön dicht geworden, trotz der teils krummen Winkel von 36,5° und 55°! Da bin ich ehrlich gesagt auch ein bisschen stolz drauf:
Gehrungen vorne.jpg
Gehrungen vorne.jpg (47.67 KiB) 682 mal betrachtet
Gehrungen oben.jpg
Gehrungen oben.jpg (46.7 KiB) 682 mal betrachtet
Es war allerdings auch einige Stunden Arbeit und ich habe viele Leisten versägt, bis es so geklappt hat. Die Leisten wollte ich eigentlich an den Kanten nageln und zusätzlich leimen, aber mit den Messingnägeln ist das schon so schön dicht, dass ich da gar keinen Leim mehr angegeben hab, der quillt dann nur wieder oben und unten raus und nervt.

Jetzt (heute) könnte ich mit der Schellackpolitur anfangen, ich habe aber ein Problem: Beim Ölen haben sich von dem Furnier wieder irgendwelche Fasern aufgestellt, an denen die Lappen hängenbleiben. Ich verstehe nicht wieso, das muss irgendwie an dem Faserverlauf von dem Furnier liegen (ist 2. Wahl). Ich habe geschliffen, feucht abgewischt, wieder geschliffen, wieder feucht abgewischt, wieder geschliffen. Normal kriege ich so alle Fasern die sich aufstellen wollen weg. Diesmal hat sich aber beim Ölen wieder was aufgerichtet und das nervt, auch wenn es nach der Woche (rohes Leinöl) Trocknungszeit etwas besser geworden ist. Ob ich jetzt versuchen soll die geölte und getrocknete Platte nachzuschleifen mit Korn 260? Da setzt sich doch sofort das Schleifpapier zu? Aber wenn ich mit dem Schellackballen hängenbleibe gibts auch wieder Mikro-Ausrisse. :hmm:

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Re: Schreibtisch mit Schellackpolitur

#3

Beitrag von Haushahn » Mi 6. Jan 2021, 19:27

Schön ist er geworden, dein Tisch! Gratulation zu den Winkeln an den umlaufenden Leisten. Ich weiß, dass man sich an solchen "Kleinigkeiten" über Jahre hinweg immer wieder freut, wenn man sie sieht :)
LG Gerald

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Re: Schreibtisch mit Schellackpolitur

#4

Beitrag von emil17 » Mi 6. Jan 2021, 23:35

:daumen:
Und ich habe mal wieder etwas gelernt, unter anderem, was andere Leute als "Provisorium" auffassen ...
Für mich waren provisorische Wohnzimmertische jeweils sowas wie zwei Klappböcke und Schaltafel drauf.
Wer will, findet einen Weg. wer nicht will, findet eine Ausrede.

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Re: Schreibtisch mit Schellackpolitur

#5

Beitrag von Dyrsian » Mo 11. Jan 2021, 19:28

emil17 hat geschrieben:
Mi 6. Jan 2021, 23:35
:daumen:
Für mich waren provisorische Wohnzimmertische jeweils sowas wie zwei Klappböcke und Schaltafel drauf.
Naja, fürs Esszimmer wäre er was mickrig. Da steht ein Eichentisch mit 240 cm x 100 cm! :lol:
Das mit dem Schellack klappt einigermaßen. Nach zweimaligem Porenfüllen fühlt er sich an wie lackiert und hat einen fettigen Glanz, als hätte man ihn mit einer Speckseite eingerieben. Ich werde jetzt die Stellen die noch etwas rau sind mit 400er Korn nachschleifen und dann nochmals Porenfüllen. Kurioserweise klappt das Porenfüllen bei den Kiefernleisten am besten, die sind sowas von aalglatt, hätte ich nicht gedacht. Seltsam, dass keiner Nadelhölzer Schellackpoliert. Ich arbeite auch schon an dem Tisch - die Oberfläche ist ja versiegelt.
Kommentar meine Frau: "Sieht aus als hättest du ihn mit Klarlack gestrichen!" *seufz*
Mindestens das Porenfüllen ist eine echte Knochenarbeit ...

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Seth
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Re: Schreibtisch mit Schellackpolitur

#6

Beitrag von Seth » Do 14. Jan 2021, 11:41

schön machst du das.

Ich als Laienrestaurator ohne Ahnung dennoch mit viel Erfahrung sage Schellack auf "neuer" Oberfläche ist vergleichsweise easy.
Was wahrlich schwer ist, eine bestehende, gealterte Schellackschicht aufzuarbeiten.

Ich versuche mich da schon seit Jahren, nichts gelingt.

Habe aktuell ein tolles Buffet, bekomme beim Schellackauftrag immer inhomogene Flächen mit weißen Schleiern drauf. Es ist zum Verzweifeln!

Hildegard
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Re: Schreibtisch mit Schellackpolitur

#7

Beitrag von Hildegard » Do 14. Jan 2021, 23:39

emil17 hat geschrieben:
Mi 6. Jan 2021, 23:35
:daumen:
Und ich habe mal wieder etwas gelernt, unter anderem, was andere Leute als "Provisorium" auffassen ...
Für mich waren provisorische Wohnzimmertische jeweils sowas wie zwei Klappböcke und Schaltafel drauf.
Mit einer passenden (groß genug)Tischdecke geht das sogar als "festliche Tafel" durch! :lol:
LG Hildegard
Trau nie dem Ort an dem kein Unkraut wächst ;)

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Re: Schreibtisch mit Schellackpolitur

#8

Beitrag von Dyrsian » Fr 15. Jan 2021, 12:37

Seth hat geschrieben:
Do 14. Jan 2021, 11:41
Ich als Laienrestaurator ohne Ahnung dennoch mit viel Erfahrung sage Schellack auf "neuer" Oberfläche ist vergleichsweise easy.
Was wahrlich schwer ist, eine bestehende, gealterte Schellackschicht aufzuarbeiten.
Ich versuche mich da schon seit Jahren, nichts gelingt.
Habe aktuell ein tolles Buffet, bekomme beim Schellackauftrag immer inhomogene Flächen mit weißen Schleiern drauf. Es ist zum Verzweifeln!
Kennst du die Videos von Lothar Jansen-Greef zu dem Thema? Er spricht auch ausführlich über die Restauration von alten Schellackoberflächen.
Nach meinen ersten Erfahrungen kann ich sagen, es kommt auch stark auf das Holz an. Das 2. Wahl Furnier was ich hier habe hat einen irgendwie unruhigen Faserverlauf würde ich meinen. Obstbaum / Kirsche ist eh so eine Sache, das ist immer voller Fehler, drehwüchsig, einfach der letzte Mist. Aber eben auch wunderschön! :aeh:
Nichtsdestotrotz habe ich meine Küchenarbeitsplatte von 4 cm Dicke (Kirsche) deutlich glatter bekommen als das Furnier, die Arbeitsplatte ist natürlich nur geölt.
Das rohe Leinöl was ich bei Antik Greef mitbestellt habe, gefällt mir wieder Erwarten nicht. Selbst nach eine Woche Trockenzeit hat es noch massiv geschmiert, mit der Schellackpolitur jetzt nicht mehr. Werde ich ggf. für Küchenmesser oder Schneidebretter nochmal verwenden, für Möbel ist das nichts. Da werde ich weiter das (babyspielzeuggeeignete) Arbeitsplattenöl von Auro einsetzen, auch wenn es teuer ist und stinkt.

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