Ist Europa mehrfach nur knapp am Blackout vorbeigeschrammt?

Sonne, Wind und Feuer
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emil17
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Re: Ist Europa mehrfach nur knapp am Blackout vorbeigeschrammt?

#41

Beitrag von emil17 » Fr 16. Jul 2021, 07:57

Ein Sinn für Schutzgebiete und Ausgleichsflächen dürfte sich auch aus der aktuellen Hochwassersituation ergeben: Landwirtschaftliche Nutzflächen können weniger Wasser zurückhalten als etwa Wälder und sind deshalb weniger hochwasserfördernd und weniger erosionsgefährdet.
Wasserschutzgebiete sollten für Landwirte eigentlich keine Einschränkung sein, weil man ja nicht überdüngt und bodenschonend arbeitet; die Diskussion hatten wir schon ...

Letztlich ist Landschaftsschutz doch im Interesse der kleinen und mittleren Landwirte; wozu brauchen die Städter Kühe und Wiesen solange es Milch im Regal hat - und grossflächige Landwirtschaft ist sowieso Industrie, wo die Regeln des Investors gelten.

Zu diesem Thema gibt es eine typische Diskussion hier, wo wegen der dritten Rhonekorrektion (das Wort Korrektur sagt schon viel über das Verhältnis von Mensch und Umwelt aus) viel intensiv genutzte Obstanbauflächen in der Ebene zu Hochwasserflutgebiet umgewidmet, also ausgedeicht und teilweise renaturiert werden müssen. Das geht natürlich zu Lasten der Betriebe, die diese Flächen nur noch eingeschränkt weiter nutzen können. Nun haben aber die Landbsitzer immer gerne Bauland verkauft, wenn ihre Flächen früher in solches umgewidmet worden sind. Bei der Einzonung des gleichen Typs Nutzfläche zu Wohn- oder Gewerbegebiet, was jedesmal von der Gemeindeversammlung bewilligt werden muss, hat jedenfalls keiner von ihnen Einspruch erhoben.
Es geht in diesen Diskussionen gerne vergessen, dass Umwidmungen aufgrund von Naturgefahren keine willkürlichen Behördenentscheidungen sind, sondern bloss planerische Anerkennung von naturgegebenen Tatsachen.
Wer will, findet einen Weg. wer nicht will, findet eine Ausrede.

penelope
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Re: Ist Europa mehrfach nur knapp am Blackout vorbeigeschrammt?

#42

Beitrag von penelope » Fr 16. Jul 2021, 09:22

Vor dem Hintergrund,dass gerade 80 Menschen in Deutschland durch Überschwemmungen gestorben sind, ist der Seitenhieb gegen Ausgleichsflächen und Grundwasserschutz gerade sehr unpassend.

In Deutschland gibt es leider die Möglichkeit, sich unter bestimmten Voraussetzungen von der Ausgleichspflicht "freizukaufen", Flächenausgleich findet zu einem Großteil durch Aufwertung vorhandener Biotope statt (Obstbäumen auf die eh schon vorhandene Wiese), Ausgleichsflächen können mit Auflagen weiter bewirtschaftet werden. Es kommen also unterm Strich viel weniger Ausgleichsflächen hinzu, als das Landschaft zugebaut wird. Viele Maßnahmen müssen in der Region stattfinden und haben ihre Ursache folglich auch in der Region.

Für Landwirte stellen Ausgleichsflächen eine Einkommensmöglichkeit dar https://www.agrarheute.com/management/b ... nen-582220
und leider sind es nicht nur wenige einzelne schwarze Schafe, die die Maßnahmen nicht entsprechend der Verträge umsetzen. Bei einer aktuellen Untersuchung in Süddeutschland wurden nur 25% der Maßnahmen wie vereinbart umgesetzt, in 30% der Fälle ist überhaupt nichts passiert https://www.lbv.de/news/details/misssta ... ngehalten/

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Re: Ist Europa mehrfach nur knapp am Blackout vorbeigeschrammt?

#43

Beitrag von Rohana » Fr 16. Jul 2021, 15:18

Für solche Extremereignisse GIBT es keinen Schutz und keine Garantien, da kann man sich auf den Kopf stellen. Oder willst du jeden kleinen Bach mit Poldern umgeben? Kann ja niemand vorhersagen wo die richtig krassen Starkregen runterkommen.
Sinnig wäre es sicher den allgemeinen Flächenfrass/Versiegelung einzudämmen und evtl nicht so nah am Wasser zu bauen - aber der Zug ist schon eine Weile abgefahren, denn im Endeffekt will das niemand.

@Emil
Wasserschutzgebiete sollten für Landwirte eigentlich keine Einschränkung sein, weil man ja nicht überdüngt und bodenschonend arbeitet; die Diskussion hatten wir schon ...
Genau, sollten nicht sein, sind aber durch diverse Auflagen im Endeffekt schon. Ich berichte dir wenn wir entweder die neue Pachtfläche haben oder mit usnerer eigenen Fläche in ein neues Wasserschutzgebiet fallen, momentan sind wir noch nebendran :aeh:
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Re: Ist Europa mehrfach nur knapp am Blackout vorbeigeschrammt?

#44

Beitrag von penelope » Fr 16. Jul 2021, 15:57

Es gibt unstreitbar Faktoren, die die Gefahr von solchen Ereignissen erhöhen.

Ich hab 500m hinterm Haus die Wümme. In dem 80er Jahren haben Bürgerinitiativen über Jahre hinweg erstritten, dass eine Fläche von 600ha unter Naturschutz gestellt wurde, als Überschwemmungsflächen für diesen nicht besonders großen Fluss, und haben damit verhindert, dass das Gelände für eine intensivere landwirtschaftliche Nutzung entwässert wurde. Gibt noch Fotos von den Demos früher, auf den Plakaten stand der Slogan: Überschwemmung in den Wümmewiesen und nicht auf den Teppichfliesen. Die Öko-Spinner von damals hatten aus heutiger Sicht einfach mal Recht und waren weitsichtiger als der Mainstream.

Aus individueller Sicht kann ich natürlich jeden verstehen, der das kotzen kriegt, weil er auf seinem eigenen Grund eingeschränkt wird. Aber die Einengung von Gewässern erhöht die Wahrscheinlichkeit von solchen Katastrophen. Folglich muss Gewässerschutz über individuellen Interessen stehen.

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Re: Ist Europa mehrfach nur knapp am Blackout vorbeigeschrammt?

#45

Beitrag von Rohana » Fr 16. Jul 2021, 16:52

Es ist ja nun ein Unterschied ob man etwas zusätzlich baut (Deiche...), oder einfach Flächen naturbelassen bzw. zumindest unversiegelt lässt, da gibts ja nun wirklich viele Abstufungen. Und sinnvoller als Feuch/Überschwemmungswiesen für landwirtschaftliche Nutzung zu entwässern wäre sicherlich, auf guten Ackerflächen keine Industriegebiete zu bauen!
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Re: Ist Europa mehrfach nur knapp am Blackout vorbeigeschrammt?

#46

Beitrag von Distelbauer » Fr 16. Jul 2021, 17:40

Ich hab mal vor 20 Jahren am Hochwasserschutz der Gemeinde mitgearbeitet. Der Grund war natürlich auch, dass man Häuser an einen kleinen Bach baute und es bald Hochwasser in den Häusern gab. Wir machten im Wald viele kleine Rückhaltebecken, nur aus Erde (natürlich mit Bagger), das einzige Fremdmaterial waren PVC Rohre. Diese Maßnahme hat sehr viel gebracht. Vielleicht sollten wir alle mal unsere Standorte überdenken. Ich bin zum Beispiel extrem Sturmgefährdet. Der Hof wurde früher so in die Höhe gezogen, dass mir schon Orkanstürme durch den Sog die Dachplatten rausriss. In der Landwirtschaft sollten verpflichtend Agroforst und Hecken eingeführt werde bevor es zuspät ist, aber aus eigener Erfahrung gibts da momentan nur Steine, leider sogar von den Grünen, gerade hier in BW.

Gruß DB

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Re: Ist Europa mehrfach nur knapp am Blackout vorbeigeschrammt?

#47

Beitrag von emil17 » Fr 16. Jul 2021, 19:10

Ich möchte noch anmerken, dass vorbeugender Hochwasserschutz eine wichtige, aber für die planenden leute sehr undankbare Aufgabe ist. Wenn es nämlich wirkt, merkt man nichts, weil eben nichts passiert ist.
Rohana hat geschrieben:
Fr 16. Jul 2021, 15:18
Für solche Extremereignisse GIBT es keinen Schutz und keine Garantien, da kann man sich auf den Kopf stellen.
Das stimmt, aber statistisch sind Ereignisse, die man mit Landschaftsgestaltung mildern und mit zurückhaltendem Bauen vermeiden kann, viel häufiger.
Beim Auto hilft ein Gurt auch nichts, wenn man mit 100 gegen eine Mauer rast, aber dennoch haben Gurten viel menschliches Leid verhindert.
Wer will, findet einen Weg. wer nicht will, findet eine Ausrede.

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Re: Ist Europa mehrfach nur knapp am Blackout vorbeigeschrammt?

#48

Beitrag von Oelkanne » So 18. Jul 2021, 00:40

@emil und @distelbauer
ich habe da eine Frage:
wo ist der Unterschied ob eine Überschwemmungsfläche landwirtschaftlich genutzt wird oder ob sie brach liegt?

In meiner Heimat sind viele Überschwemmungsflächen für den Neckar normale Äcker.
Da wachsen Speisekürbise, Einlegegurken, ganz profaner Weizen usw.
Wenn der Neckar alle paar Schaltjahre mal ansteigt sind Kürbis und co eben weg
aber sonst kann man das doch ganz normal nutzen...

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Re: Ist Europa mehrfach nur knapp am Blackout vorbeigeschrammt?

#49

Beitrag von penelope » So 18. Jul 2021, 08:41

Bin zwar weder der eine noch der andere, aber dauerhaft durchwurzelter Boden nimmt mehr Wasser auf, lässt es schneller versickern und wird nicht so schnell weggeschlämmt wie Ackerboden.

Die Überschwemmungsflächen hier werden genutzt, aber eben extensiv als Grünland und nicht umgbrochen.

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Re: Ist Europa mehrfach nur knapp am Blackout vorbeigeschrammt?

#50

Beitrag von Distelbauer » So 18. Jul 2021, 10:30

Da ich ja auch Kleinbauer bin sehe ich mich irgendwo dazwischen. Brachflächen so viel wie möglich aus den von Penepole erklärten Gründen, oder eben fortschrittliche Landwirtschaft, z.B. Agroforst. Dann halt keinesfalls Mais o.ä. da bleibt der Boden viel zu offen. Ideal wäre dort halt Bioanbau oder wenigstens gut wurzelnde Untersaaten.

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