HPG - Ideen zur Umsetzung bei kleinsten Tierbeständen

Moderator: kraut_ruebe

Re: Ganzheitlich geplante Beweidung - die Theorie

Beitragvon Manfred am Fr 14. Aug 2015, 07:47

Alba hat geschrieben:Hallo Manfred,

in wieweit ist es denn wichtig, welche Tiere auf der Weide stehen? Ich geh da jetzt mehr von den Wildtieren aus. Rauhfutterfresser vs. Konzentratselektierer. Aber das dürfte doch auch ein Unterschied sein, ob eine Kuh die Fläche beweidet oder ein Schaf.
LG Bettina


Nach den bisherigen Erfahrungen wird es immer besser, je mehr Arten im Spiel sind. Tiere wie Pflanzen, Pilze, Mikroben...
Die Evolution hat die verschiedenen Arten ja nicht ohne Grund hervorgebracht. Jede hat ihre Nische und erfüllt bestimmte Aufgaben. Verwertet bestimmte Nährstoffe, kann etwas besser verdauen und für andere aufschließen, hilft anderen Arten bei der Nährstoff- oder Wasserversorgung oder Vermehrung, nutzt bestimmte Zeitfenster usw. usw.
Ob wir das Zusammenspiel je vollumfänglich begreifen werden, ist fraglich. Und solange wir das nicht tun, können wir eigentlich nur versuchen, mögl. viele Entscheidungen der Natur zu überlassen.
Da wir leider schon viele Arten ausgerottet haben, z.B. die meisten Megaherbivoren, und andere in ihrem Wirken erheblich eingeschränkt haben, werden wir vermutlich nie mehr das perfekt ausgeklügelte System erreichen können, dass die natürlichen Graslandflächen einst gebildet haben. Aber wir können uns wenigstens wieder rantasten. Und irgendwann wird die Evolution evtl. auch wieder neue Arten hervorbringen, welche die offenen Nischen neu besetzen.
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Re: Ganzheitlich geplante Beweidung - die Theorie

Beitragvon ihno am Fr 14. Aug 2015, 07:58

Ist in Deutschland nicht Wald das natürlich vorkommende System ?
für Offene Grasflächen ist es hier doch eher zu feucht?
Mir fehlt ja die Erfahrung mit Tieren aber Hutewälder finde ich ja auch nicht doof gedacht.
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Re: Ganzheitlich geplante Beweidung - die Theorie

Beitragvon Manfred am Fr 14. Aug 2015, 08:22

ihno hat geschrieben:Ist in Deutschland nicht Wald das natürlich vorkommende System ?
für Offene Grasflächen ist es hier doch eher zu feucht?


Wirklich wissen tun wir das nicht, weil es nach der letzten Eiszeit hier nie eine Besiedlung ohne menschlichen Einfluss gab.
Nach den gängigen Theorien geht man davon aus, dass auf der einen Seite die Auswaschung von Mineralien durch Niederschläge und auf der anderen Seite Trockenheit oder Kälte die großen Herden und damit das natürliche Grasland begrenzt haben.
Aber diese Debatte ist eh akademisch. Wir sind für unsere Existenz auf die Landwirtschaft angewiesen. Die Frage ist eigentlich nur, wie wir diese gestalten.
In einer Region, die als natürliche Vegetation Wald vermuten lässt, wäre es evtl. sinnvoll, viele Bäume und Büsche mit in die Landwirtschaft einzubauen. Also z.B. Nüsse als Eiweiß- und Fettlieferanten und Esskastanien oder Eicheln als Stärkelieferanten statt Soja und Getreide.
Dieses Konzept verfolgt z.B. der hier im Forum schon öfter angesprochene Mark Shepard. Er geht davon aus, dass an seinem Standort eine Eichen- und Esskastaniensavanne die natürliche Vegetation oder zumindest die ehemalige indianische Landwirtschaftsform war. Auf der Basis hat er ein System entwickelt, das mit vielen Baum- und Strauchreihen und schmalen Weide- und Ackerstreifen dazwischen arbeitet.
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Re: Ganzheitlich geplante Beweidung - die Theorie

Beitragvon ihno am Fr 14. Aug 2015, 09:00

direkt hier wo ich wohne hat es ja bis vor gut 60 Jahren noch regelmäßige Überschwemmungen gegeben. Es war also 4-5 Monate im Jahr alles großflächig überschwemmt. Es gibt auch fast keine Bäume die 100 Jahre oder Älter sind.
Das ist natürlich kein Vergleich mit eurem Land . Hier liegen ja noch ein paar Ha in Wartestellung aus denen ich ja gerne sowas wie eine Tier/ Lichter Wald Kombi machen möchte. :kaffee:
Naja kommt Zeit kommt Rat.
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Re: Ganzheitlich geplante Beweidung - die Theorie

Beitragvon Manfred am Fr 14. Aug 2015, 09:07

Manfred hat geschrieben: Wir sind für unsere Existenz auf die Landwirtschaft angewiesen. Die Frage ist eigentlich nur, wie wir diese gestalten.


Um den Gedanken noch mal aufzugreifen:
Für mich ist die Frage, was können wir an dem Standort in naturnahen Abläufen ohne viel zusätzlichen Energieaufwand, Kunstdünger und chemischen Pflanzenschutz an Nahrung und Fasern und anderen Agrarrohstoffen produzieren.
Und hier wird es halt ohne Fungizide selbst beim Getreide schon eng. Die paar Biobauern hier ernten Speisegetreide nicht selten mit hoher Restfeuchte und lassen dann mit viel Energieeinsatz trocknen, nur um nicht aufs nächste Wetterfenster warten zu müssen, weil bis dahin die Pilzbelastung hoch ginge.
Für Walnüsse sind wir Grenzstandort. Mein ertragssicherster Walnussbaum fällt im Schnitt 1 von 3 Jahren aus. An einer anderen Sorte habe ich nur alle Paar Jahre mal Nüsse. Esskastanien werden hier nicht reif und Haselnüsse haben auch nur alle paar Jahre mal nennenswerten Ertrag.
Eiweiß und Fett lässt sich hier nun mal am sichersten und mit dem geringsten künstlichen Aufwand über eine gut geführte Beweidung produzieren.

Bevor Kunstdünger und chemischer Pflanzenschutz Einzug hielten, war der Großteil der Flächen hier Weideland. Ackerbau wurde nur im kleineren Umfang betrieben. Und Wald wie Bäume in der Flur sieht man auf alten Bildern viel weniger als heute. Wald stand eigentlich nur an den Steilhängen. Die Täler und die flacheren Höhenlagen wurden alle landwirtschaftlich genutzt. Heute ist im Frankenwald nach meiner Schätzung mehr als die Hälfte der ehemaligen landwirtschaftlichen Nutzfläche wieder aufgeforstet.

In anderen Teilen Deutschlands können die Bedingungen schon wieder anders aussehen.
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Re: Ganzheitlich geplante Beweidung - die Theorie

Beitragvon ben am Fr 14. Aug 2015, 10:13

ihno hat geschrieben:Ist in Deutschland nicht Wald das natürlich vorkommende System ?

Buchenwald gilt für die meisten Flächen als sogenannte PNV (potentiell natürliche Vegetation). In Landschaftsentwicklung haben wir gelernt, dass in Mitteleuropa bis zur Ausbreitung von menschlichen Siedlungen Wald die vorherrschende Vegetationsform war. Das kann man auch anhand von Samen und Pollenresten in etwa nachvollziehen, die sich in Tonschichten abgelagert haben, von daher ist die Theorie sicher nicht falsch. Interessant dabei ist auch, dass sich die Artenvielfalt durch den Eingriff des Menschen und durch die Öffnung der Wälder zunächst deutlich erhöht hat, da eine vielfältigere Landschaft entstanden ist.

Mir kam diese Theorie jedoch immer etwas zu kurz gegriffen vor, da in einer von Menschen unberührten Natur die bereits angesprochenen Megaherbivoren dafür gesorgt hätten, dass sich statt eines dichten Waldes eher eine lückige, offene Wald-Steppenvegetation gebildet hätte. Ich vermute daher, dass der Mensch in der Nacheiszeit und eventuell schon vorher die Großsäuger weitgehend ausgerottet hat und dass sich dadurch erst die monotone Waldlandschaft entwickeln konnte.
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Re: Ganzheitlich geplante Beweidung - die Theorie

Beitragvon Thomas/V. am Do 20. Aug 2015, 15:11

Ich vermute daher, dass der Mensch in der Nacheiszeit und eventuell schon vorher die Großsäuger weitgehend ausgerottet hat und dass sich dadurch erst die monotone Waldlandschaft entwickeln konnte.


Laut diesem Artikel: https://de.wikipedia.org/wiki/Linearban ... edingungen
gab es wohl zur Zeit der ersten Bauern sowohl Wald als auch offene Graslandschaften.
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Re: Ganzheitlich geplante Beweidung - die Theorie

Beitragvon ihno am Fr 21. Aug 2015, 06:58

was mir nun gerade bei Nachbars kühen aufgefallen ist, die laufen hier nun seit 2 Tagen in dem neuen Stück und haben fast alle Scheißerei.Liegt ja sicher am frischen Gras oder ?
könnte das zu einem Problem werden, wenn die alle 3 Tage wieder eine neue Wiese bekommen ?
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Re: Ganzheitlich geplante Beweidung - die Theorie

Beitragvon Manfred am Fr 21. Aug 2015, 08:24

Die Kotkonsistenz hängt großteils am Eiweiß-Anteil in der Ration.

Junges Gras hat anteilig sehr viel Eiweiß und Zucker und wenig Faser. Das führt dann zu Dünnpfiff.
Die Tiere müssen Eiweiß verbrennen, um ihren Energiebedarf zu decken. Dafür braucht der Stoffwechsel selbst viel Energie. Das führt zu einer schlechten Futterverwertung und die Tiere lagern kein Fett ein.

Altes, überständiges Gras hat dagegen oft zu wenig Eiweiß. Dann wird der Kot sehr fest.
Die Pansenmikroben haben zu wenig Eiweiß, um den Faseranteil im Futter zu zersetzen. Im Grenzfall (nur strohiges Material mit sehr geringem Eiweißgehalt) können die Tiere dann sogar mit vollem Magen verhungern. Wenn man nur noch Stroh auf dem Halm stehen hat, was in Trockenregionen vorkommen kann, dann wird deshalb auf der Weide Eiweiß (Sojaschrot etc.) zugefüttert.

Beides, zu weicher und zu fester Kot, zeigt also an, dass die Nährstoffzusammensetzung für die Tiere nicht optimal ist und damit auch die mögliche Leistung der Tiere nicht ausgeschöpft wird.

Wenn zu den Zielen des Bewirtschafters beim HPG eine gute Leistung der Tiere gehört, dann sollte er auf die Kotkonsistenz achten und die Beweidung entsprechend führen, über "Reifegrad" und Menge der zugeteilten Pflanzen.

Ich habe das auch noch nicht raus. Stehe ja noch ganz am Anfang.
Aber das Problem mit zu viel Eiweiß und zu wenig Faser in jungem Futter kenne ich gut.
Man kann Heu oder Stroh zufüttern. Die Tiere nehmen das ober oft nicht in ausreichender Menge an, um einen Ausgleich zu schaffen. Rinder sind wie kleine Kinder. Sie futtern halt auch lieber Süßigkeiten als das gesunde Essen, dass daneben steht.
Wenn man nur noch zu junges Gras hat, ist es oft besser die Tiere auf einer kleinen Opferfläche so lange mit Heu zuzufüttern, bis das Gras wieder reif genug ist. Das hat ja auch den Vorteil, dass das junge Gras nicht überweidet wird.
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Re: Ganzheitlich geplante Beweidung - die Theorie

Beitragvon Dagmar am Fr 21. Aug 2015, 14:16

Hallo Manfred,

auch von mir erst einmal ein herzliches Danke Schön. Da ich ja ein "blutiger" Laie bin, was die Tierhaltung betrifft, kann ich da kaum was zu sagen. Da ich aber andererseits meinen Kleinsthof im Außenbereich liegen habe, kann ich auch nicht so einfach Schuppen und Ställe bauen.

Und da wären die verschiebbaren Ställe mit eingezäunter Weidefläche eine gangbare Alternative, da diese ja auf Rädern sind und keine festen Bauten. Ich könnte also ein gutes Weidemanagement mit den gesetzlichen Einschränkungen in meinem Fall in Übereinstimmung bringen. Da ich als Anfängerin mal davon ausgehe, daß ich jedes Tier welches ich halten werde auf jeden Fall mindestens einmal am Tag sehen will (Krankheiten, Verletzungen, etc.) könnte man das Weiterschieben der Ställe mit dem Kontrollbesuch der Tiere, bzw. der Fütterung, bzw. z.B. dem Abholen der Eier, etc. etc. ja ganz einfach kombinieren.

Also z.B. zum Hühnertraktor (Gänsetraktor, Schaftraktor, Kuhtraktor, etc.) gehen, den etwas weiterschieben, evtl. Wasser und Futtermittel auffüllen, Tiere "kontrollieren", und auf dem Rückweg z.B. die Eier mitnehmen. Man sollte eben nur beim Bau der beweglichen Ställe darauf achten, daß man die Lebensgewohnheiten der gehaltenen Tiere möglichst berücksichtigt.

Bin schon gespannt auf die weiteren Informationen hier.


Dagmar
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